10 Jahre ver.di

10 Jahre ver.di – Die Chancengewerkschaft

Das neue Buch von Martin Kempe ist ein Essay über die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Es ist im September 2011 im Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, erschienen (113 Seiten). Die erste Auflage war nach rund zwei Monaten vergriffen. Ein Nachdruck bzw. eine 2. unveränderte Auflage erscheint Anfang bis Mitte Dezember 2011.

Anfragen für Veranstaltungen und Lesungen bitte unter der Rubrik “Kontakt”.

Inhalt:
I. Der euphorische Auftakt
II. Brachengewerkschaft oder “Allgemeine Gewerkschaft”?
III. Wendepunkte auf dem Weg zu ver.di
1. Exkurs: Der Kampf um die Macht der Gewerkschaften
2. Exkurs: Gewerkschaftliche Modernisierungsdebatte und soziale Realitäten
IV. Gründungsprozess und Praxis der Matrixorganisation
V. Die Multibranchengewerkschaft als “Allgemeine Gewrkschaft” des
Dienstleistungssektors
VI. Organisation zwischen Umverteilung und Besitzstandssicherung
VII. Gratwanderung zwischen Gemeinwohl und Lobbyismus
VIII. ver.di als Anwalt sozialer Gerechtigkeit
IX: Ansätze gewerkschaftlichen Neuaufbaus
X. Chancengewerkschaft 2011
Anhang: Zehn randvolle Jahre ver.di
Literatur

Aus dem Vorwort:
…Dieser Essay will Hintergründe ausleuchten, Widersprüchliches und Kritisches reflektieren, aber auch, wie der Titel des Buches schon sagt, Chancen und Erfolge der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft benennen. Leserinnen und Leser, die von mir “Enthüllungen” aus dem Innenleben von ver.di erwarten, muss ich enttäuschen. Ich habe, sicher mit einigem Hintergrundwissen, für dieses Buch ausschließlich öffentlich zugängliches Material verwandt. Und weil ver.di in der Tradition der deutschen Gewerkschaftsbewegung steht, habe ich in den Anfangskapiteln einige Aspekte der Gewerkschaftsgeschichte rekapituliert, die mir für das Verständnis des Gründungsprozesses, des Organisationsaufbaus und der gewerkschaftspolitischen Ausrichtung von ver.di wichtig erscheinen…

Eine Rezension des ehemaligen Mannheimer ver.di-Funktionärs Anton Kobel im “express” Oktober 2011 (Auszüge):
…Martin Kempes Buch empfehle ich allen, die schon immer mehr über eine Gewerkschaft und vor allem über ver.di wissen wollten, als in den üblichen Medien und den gewerkschaftlichen Verlaufbarungen steht. … Hier ist es dem Autor gelungen, Hofberichterstattung zu vermeiden. … Beeindruckend finde ich, wie Kempe die Probleme und Erfahrungen mit der inneren Organisation von ver.di schildert. Diese Matrixorganisation ermöglicht einerseits Mitgliedern das Mitmachen, andererseits wurde ver.di dadurch zu einem kräftezehrenden und ideenkillenden Moloch. Lesenswert auch der kurze Abriss der deutschen Wirtschafts- und Souzialgeschichte bis hin zu den aus der neoliberalen Herrschaft resultierenden aktuellen Problemen der abhängig Beschäftigten und der Gewerkschaften. … Kann man das Buch kaufen, lesen oder gar verschenken? Ja. Es ist auch wegen der Kürze gut lesbar und inhaltlich das Beste, was in den letzten Jahren über ver.di erschienen ist. Eine kleine Fundgrube für Anhänger, Kritiker und Gegner. Das muss man als Autor erst mal hinkriegen.


erschienen im Oktober 2010:

Ermutigungen für den aufrechten Gang im Betrieb
Inhalt

Vorwort / In der Drei-Drittel-Gesellschaft / Neuaufbau Basis Ost / Schlecker hat uns so gemacht – eine Betriebsrätin berichtet / Erneuerung in der Krise / Der Enkel des Präsidenten / Wehren ist besser – Organizing im Klinikum / Der Streik der IT-Profis / Literatur

Aus dem Vorwort

Nichts Spektakuläres geschah in Deutschland an diesem Donnerstag, dem 13. August 2009. Abgesehen von der Erinnerung der Älteren an den Berliner Mauerbau vor 48 Jahren: Es war ein Tag wie jeder andere, an dem die Zumutungen für die arbeitenden Menschen das hierzulande gewöhnliche Maß nicht überschritten, an dem die Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen wie immer über die gegenseitigen Anwürfe der Politiker im Vorfeld der Bundestagswahl berichteten, an dem die Wirtschaftskrise das alltägliche Lebensgefühl der meisten Menschen noch nicht nachhaltig getroffen hatte. Überall gingen oder fuhren die Menschen zur Arbeit, wenn sie denn eine hatten. In Friedrichshafen und Hamburg, in Rüsselheim und Halle – überall kümmerten sie sich um die alltäglichen Dinge ihres Lebens.

Wie jeden Tag ist die Wirtschafterin Reinhild Fuchs (53) morgens um vier Uhr aufgestanden und hat sich nach einer schnellen Tasse Kaffee auf den Weg zur Arbeit gemacht. Ein wenig benommen von der kurzen Nacht fuhr sie aus dem kleinen Dorf im Umland über die menschenleeren Straßen zum Universitätsklinikum in der Robert-Koch-Straße in Göttingen. Sie brauchte ungefähr 20 Minuten, um pünktlich um fünf Uhr an ihrem Arbeitsplatz in der Zentralküche des Klinikums sein. Nach der Arbeit, am Nachmittag, das hatte sie sich vorgenommen, wollte sie an einem Treffen mit anderen Kolleginnen aus verschiedenen Bereichen des Klinikums teilnehmen. Die geplante Ausgründung der Zentralküche und anderer Bereiche, die von der Klinikleitung betriebenen Verschlechterungen bei Lohn und Arbeitsbedingungen – Reinhild spürte wie so oft bei ihrer einsamen Fahrt durchs Morgengrauen die Empörung in sich hochsteigen.

Karin Heuser (39), deren wirklichen Namen wir hier nicht nennen, stieg am 13. August morgens gegen acht Uhr in Gotha in den Zug. Am Vortag hatte die Verkäuferin zusammen mit ihren Kolleginnen vom Gesamtbetriebsrat des Schlecker-Konzerns Einsicht in die Bilanzen des Drogerie-Discounters genommen. Die Daten verhießen nichts Gutes. Während der vierstündigen Fahrt ging die Diskussion unter den im gleichen Zug reisenden Kolleginnen weiter: Was bedeutet es für die kommenden Monate, dass der Konzern angeschlagen ist? Schlecker wird die Umstrukturierung seines Konzerns mit allen Mitteln forcieren, das ist ihnen klar. Und er wird alles dran setzen, die bestehenden, vor Jahren erkämpften Mitbestimmungsstrukturen zu zerschlagen. In dieser Auseinandersetzung, so Karin, “muss man auf alles gefasst sein”.

……………………(weitere Pesonen aus dem Buch werden vorgestellt)…………..

Und schließlich Helge Biering (29). Der Projektsekretär packte gegen 16 Uhr in Halle an der Saale seinen Laptop ein, dazu noch einen Beamer und ein paar Broschüren für den regelmäßig von ihm veranstalteten Call-Center-Stammtisch ins Auto. Auf der Delitzscher Straße, einer Ausfallstraße in Richtung des Vororts Büschdorf, fuhr er achtlos an den erst kürzlich aufgehängten Wahlplakaten mit den örtlichen Kandidaten für die Bundestagswahl im September vorbei. Er würde die Parteivertreter ohnehin gleich im Büschdorfer Hof persönlich begrüßen, um ihnen im Beisein einiger Beschäftigter aus den regionalen Call-Center-Betriebsstätten die Frage vorzulegen, wie die dort herrschenden schlechten Arbeitsverhältnisse verbessert werden könnten.

Karin, Helge, Marianne, Reinhild, Kossigan und Margret, die hier kurz vorgestellt wurden und weitere, denen wir in diesem Buch noch begegnen werden, taten und tun nichts Spektakuläres. Sie sind in der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Niemand würde sie auf der Straße erkennen. Sie arbeiten abseits der Scheinwerfer medialer Aufmerksamkeit. Sie kennen sich nicht und wissen nichts von einander. Aber sie alle vereint – so verschieden ihre Persönlichkeiten, ihre Wohnorte, ihre Arbeits- und Lebenssituation auch sein mögen – ein großes Projekt: der Zusammenschluss der arbeitenden Menschen zu gemeinsamer Interessenvertretung und organisierter Kraft, wo es sie noch nicht gibt, aber auch dort, wo sie nachlässt und erneuert werden muss.